griechische Philosophie: Die Frage nach dem sittlichen Guten


griechische Philosophie: Die Frage nach dem sittlichen Guten
griechische Philosophie: Die Frage nach dem sittlichen Guten
 
Unter Philosophiehistorikern ist es umstritten, ob die griechische Philosophie die Frage nach dem sittlich Guten überhaupt thematisiert hat. Mehr noch, bis heute wird die These verfochten, dass Moralität ganz generell eine nachantike, insbesondere eine christliche Form der Bewertung menschlichen Handelns sei; lediglich unsere heutigen christlich-kantisch geprägten Denkmuster suggerierten uns, die Antike habe menschliches Handeln in Begriffen wie Bosheit, Schuld, Mitgefühl, Verantwortlichkeit, Gewissen oder Reue gedeutet.
 
Zweifellos enthält diese Behauptung ein Wahrheitsmoment. Die olympischen Götter, wie sie sich bei Homer und Hesiod dargestellt finden, führen kein moralisches Weltregiment; sie rauben, lügen, intrigieren, führen Kriege, vergewaltigen und verhalten sich gegenüber Menschen hartherzig und ungerecht. Außerdem pflegen die Götter unmittelbar in das Handlungsgeschehen einzugreifen, sodass die Helden nicht als Herr über ihre Handlungen und in gewisser Hinsicht nicht einmal als handelnde Personen angesehen werden können (so die berühmte These Bruno Snells). Die homerischen Helden scheinen allein nach dem Ehrenkodex einer ritterlichen Adelsgesellschaft zu handeln, also eher nach Grundsätzen der Fairness als nach Moralprinzipien.
 
Zu beachten ist jedoch, dass sich schon die Homerischen Menschen als Urheber ihrer Entscheidungen verstehen und um ihre Verantwortung wissen: »Und Deiphobos erwog zwiefach, /Ob er sich einen der Troer zum Gefährten nähme, der hochgemuten, /Wieder zurückgewichen, oder es auch allein versuchte. /Und so schien es ihm, als er sich bedachte, besser zu sein: /Hinzugehen zu Aineias« (»Ilias« 13,455-459). Der Held Deiphobos erwägt hier zwei Möglichkeiten des Handelns; er weiß, dass ihm beide Möglichkeiten offen stehen, und er entscheidet sich, »weil es ihm besser zu sein scheint«, sodass hier offenbar eine Entscheidung vorliegt, als deren Ursprung sich der Held selbst ansehen kann.
 
Erst recht deuten sich moralische - oder zumindest moralanaloge - Phänomene im 6. und im beginnenden 5. Jahrhundert an: Anleitungen zum richtigen Leben geben schon Spruchweisheiten der Sieben Weisen (»Erkenne dich selbst«, »Nichts im Übermaß«). Die orphischen Lehren machen die Vorstellung einer Erlösung von bestimmten menschlichen Handlungen abhängig. Das Asketentum der Pythagoreer kann ebenfalls als ein zusammenhängendes System der Regelbefolgung betrachtet werden. Allerdings fehlt in dieser Zeit noch jedweder Versuch, das gute Handeln begrifflich zu bestimmen, den Zusammenhang von guten, tugendhaften Handlungen und Glück auszuleuchten oder sogar die Voraussetzungen eines moralisch verantwortlichen Handelns systematisch zu erschließen.
 
Die »Entdeckung« der Ethik als eines Themas der Philosophie ist die Leistung des Sokrates. Der entscheidende Anstoß hierfür dürfte in der Kritik der konventionellen Moral seitens der Sophisten bestanden haben; insbesondere wandte sich Sokrates gegen die sophistische Lehre, Moral sei als »widernatürliche« Übereinkunft der Gesellschaft im Interesse der Schwachen zu verstehen. Sowohl die sophistische Moralkritik als auch die sokratische Reaktion belegen, dass Sittlichkeit in der griechischen »Aufklärung« des 5. Jahrhunderts ein wichtiges gesellschaftliches Thema gewesen ist. Sokrates vertrat die Aufsehen erregende These, dass moralisches Handeln unmittelbar maßgeblich für das individuelle Glück sei; Unrechttun bedeute eine Schädigung der eigenen Seele und sei daher keineswegs nur um des anderen willen, sondern bereits im wohlverstandenen Eigeninteresse zu vermeiden: sogar um den Preis des Erleidens von Unrecht. Damit werden materielle oder äußerliche Güter entwertet zugunsten desjenigen Wertes, für den die handelnde Person allein verantwortlich ist, nämlich die Integrität der Seele; in den Mittelpunkt des sittlichen Lebens tritt die »Sorge um die Seele« (epimeleia tes psyches). Der von Sokrates vorgesehene Weg zur Moralität ist daher die Erlangung der »Tugenden« (aretai), die für ihn ausschließlich auf vernünftiger Einsicht gründet; sämtliche Teiltugenden (wie Tapferkeit, Frömmigkeit, Besonnenheit) sind als Ausprägungen oder Anwendungen der einen sittlichen Erkenntnis zu deuten (»moralischer Intellektualismus«). Für das Glück des Einzelnen ist der Tugenderwerb die hinreichende Bedingung. Somit ist der Tugendhafte unabhängig von den jeweiligen äußeren Umständen glücklich (Autarkie-Gedanke).
 
Platon hat an der sokratischen Auffassung festgehalten, philosophische Erkenntnis sei für moralisches Handeln nicht nur notwendig, sondern sogar hinreichend. Nach Platons Überzeugung besitzt die Philosophie genügend Kraft zur vollständigen Reinigung und Leitung der Seele. Die Glücks-Autarkie des Philosophen gilt ebenso in hellenistischer Zeit für die Stoiker.
 
Eine weitere Streitfrage liegt darin, ob die antike Philosophie Sittlichkeit ausschließlich von dem Ziel der Glückssuche, das heißt des wohlverstandenen Eigeninteresses her gedeutet hat, oder ob sie Sittlichkeit zudem bereits als etwas schlechthin Verpflichtendes, als ein »Gesolltes« verstand (deontologische Ethik). Es kann aber als sicher gelten, dass moralisches Sollen bereits bei Aristoteles angesprochen ist; behandelt wird es dann vor allem in der Ethik der Stoa (to kathekon).
 
Schließlich wird häufig die Frage diskutiert, ob die griechische Philosophie über den Begriff des Willens im neuzeitlichen Sinn verfügt. Für einen Philosophen, der den Willensbegriff kennt, ist es charakteristisch, dass er Handlungen im Hinblick auf die Qualität ihrer Motive und Absichten bewertet und nicht allein die Handlungsresultate in den Blick nimmt. Maßgeblich ist auch, ob der Betreffende ein Vermögen anerkennt, das eine Handlung endgültig und abschließend erklärt, und ob er glaubt, dass falsches Handeln bei vollem Bewusstsein möglich ist; legt man dem menschlichen Handeln vor allem den Willen zugrunde, ist das »Gute« zwar immer noch das Wählenswerte, aber nicht eo ipso das Gewählte. In der Antike scheint jedoch die Ansicht vertreten worden zu sein, dass aus klarer Einsicht gutes Handeln folgt und zudem die richtige Einsicht ohne moralische Praxis nicht ausreichend ist, um das Gutsein des Menschen zu begründen.
 
Dr. Christoph Horn und Dr. Christof Rapp
 
 
Die Philosophie der Antike. Band 4. Die hellenistische Philosophie, mit Beiträgen von Michael Erler u. a. Herausgegeben von Hellmut FlasharBasel u. a. 1994.
 Ricken, Friedo: Philosophie der Antike. Stuttgart u. a. 21993.

Universal-Lexikon. 2012.